TEFILLA

Oratorium
zur Doppelstele “Bindung und Kreuzigung” von Igael Tumarkin

für
Solosopran, Solobass
Gemischter Chor
Bläserquintett (Flöte, Trompete, Englisch Horn, Fagott, Kontrafagott)
Streicherquintett (2 Violinen, 2 Celli, Kontrabass)
Schlagzeug
Orgel

Textzusammenstellung und Musik: Wolfgang Kleber

Uraufführung am 16.9.2001 in der Darmstädter Pauluskirche

Der Mitschnitt der Aufführung am 9.3.2003
ist auf CD erhältlich (15 Euro + Versandkosten). Bestellung.

Hörbeispiele aus dem Mitschnitt der Uraufführung:
Nr. 1, (381 KB) Thomas Fleischmann, Bass
Nr. 6 (585 KB) Barbara Meszaros, Sopran, Thomas Fleischmann, Bass, Paulus-Chor, Südhessisches Kammerensemble
Nr. 9 (413 KB) Barbara Meszaros, Sopran, Regine Neubert und Gabriele Wegner, Violinen
Nr. 12 (478 KB) Barbara Meszaros, Sopran, Thomas Fleischmann, Bass, Paulus-Chor, Joachim Enders, Orgel, Südhessisches Kammerensemble

Nr. 26 (3 MB) Barbara Meszaros, Sopran, Thomas Fleischmann, Bass, Paulus-Chor, Joachim Enders, Orgel, Südhessisches Kammerensemble

 

Weitere Aufführungen:
Sonntag, 2. März 2003, 17 Uhr, Dreikönigskirche Frankfurt am Main
Sonntag, 9. März 2003, Pauluskirche Darmstadt

Mittwoch, 12. Oktober 2005, Pauluskirche Darmstadt
Samstag, 15. Oktober 2005, St.Matthäus-Kirche im Kulturforum Berlin

 


EINFÜHRUNG

Vor der Pauluskirche in Darmstadt steht das eiserne Stelenpaar "Bindung und Kreuzigung", das der israelische Künstler Igael Tumarkin 1993 geschaffen hat. Die Geschichte von der "Bindung Isaaks" aus Gen.22 (- die Christen sprechen von der "Opferung Isaaks"-) hat für das Judentum dieselbe Bedeutung eines Grunddatums der Geschichte wie die Kreuzigung Jesu für die Christen. So stehen diese Stelen für Judentum und Christentum: nebeneinander - miteinander - unterschieden - gemeinsam. Beide sind nach Jerusalem ausgerichtet, der Stadt, die für beide Symbol eschatologischer Hoffnung ist; der Stadt, die für Juden die Gebetsrichtung ist: TEFILLA heißt "Gebet".
Die vom Komponisten zusammengestellten Texte bilden einen Chor aus Bibel, jüdischer Liturgie, anderen jüdischen Stimmen (z.B. Buber, Wiesel), philosophischen Passagen (Lessing, Goethe) und Gedichten aus Auschwitz. Sie lassen das Miteinander, Nebeneinander und schreckliche Gegeneinander von Juden und Christen in der gemeinsamen Geschichte erfassen, zeigen die Parallelität von Isaaks Bindung und Jesu Kreuzigung, aber auch von Jesu Kreuzigung und Mord an den Juden in Auschwitz: Katastrophe nicht nur für Israel, sondern auch für die Christen
Das Werk ist geschrieben für 2 Soli, Chor, Bläser, Streicher, Schlagzeug und Orgel. Auch die Stelen selbst kommen zum Klingen. Im großen wie in jedem Einzelschritt wird deutlich, wie sich der Komponist in jüdische Tradition, jüdischen Gottesdienst und jüdische Symbolik eingearbeitet hat und wie hochdifferenziert er seine Partitur durchgestaltet hat. Die Musik, die zwischen lyrischem Ton, expressiven Ton und Lesungscharakter changiert, spricht den Hörer unmittelbar an. Aber zugleich bringt sie viel Symbolisches zum Klingen, was man im Einzelnen nicht hört und was doch präsent ist. Hörbares und Unhörbares klingen zusammen. Das musikalische Material, aber auch die strukturellen Proportionen des Stückes werden von arithmetischen Reihen gebildet, die z.B. Proportionen der beiden Stelen nachbilden, die aber auch bestimmten "Personen" oder Begriffen zugeordnet werden können (Cherubim; Gott...). Höchst durchdacht werden bestimmte Taktmengen symbolisch eingesetzt (z.B. 101 als Zahlenwert des Engels Michael; 12 für die Zahl der Stämme Israels). Auch kompositorische Mittel haben Verweischarakter: Ein langsamer Chorkanon in der Sekunde steht für die Selbstbegrenzung Gottes im Sinn des jüdischen Zimzum.
Am Ende stellt dieses Werk nicht nur die Frage nach dem Verhältnis von Juden und Christen. Es stellt die Gottesfrage auf dem Hintergrund der Geschichte des Juden Jesus von Nazareth und auf dem Hintergrund der Geschichte von Juden und Christen. Der Gott Israels, für den und aus dem Jesus lebte, ist der HERR des Alls, der verherrlicht werden soll. Er ist aber, wie die Geschichte zeigt, zugleich der Gott, der den Menschen braucht, ja, der um die Liebe des Menschen bettelt (Simone Weil). Schwach ist dieser Gott in unserer Welt. Gerade religiöse Menschen wollen das nicht wahrhaben. Und vielleicht haben die Christen das neu zu lernen in einer Zeit überall entstehender Wohlfühlreligiosität. Nicht Gott ist die Antwort auf unsere Fragen. Merkwürdige Umkehr: Wir sind die Antwort. Wir haben die Frage zu suchen, auf die wir die Antwort sind.
Die Uraufführung des Oratoriums fand im September 2001 am Abend nach dem zweiten Tag von Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest, statt. Das Fest erinnert an das göttliche Gericht und daran, dass an diesem Tag die Welt erschaffen worden sei. An diesem Fest soll der Mensch seine Seele erneuern, indem er sich zu seinem Schöpfer hinwendet. Bestimmte auf dem Schofar geblasene Signale erklingen im Neujahrsgottesdienst. Sie spielen auch im Oratorium eine Rolle: Erneuerung, Umdenken ist angesagt.
Musikalisch und geistlich anspruchsvoll für die Ausführenden und für die Hörer ist dieses Werk. Wer es wach aufnimmt, wird verstört. Denn Tumarkins Stelen rosten...Geht alles immer so weiter?

Christa Reich

 

LIBRETTO

Nr. 1: Problem Hörbeispiel, (381 KB) Thomas Fleischmann, Bass

Warum ist alles so rätselhaft?
Hier ist das Wollen, hier ist die Kraft;
Das Wollen will, die Kraft ist bereit,
Und daneben die schöne lange Zeit.
So seht doch hin, wo die gute Welt
Zusammenhält!
Seht hin, wo sie auseinanderfällt!

Goethe: Problem aus: Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827)

Nr. 2: Zwischenspiel

Nr. 3: Stelen

Chor

Ausgerichtet nach Jerusalem,
stehen sie dicht beieinander,
leicht versetzt, als wollten sie drei Schritte vorwärts gehen
zum Gebet.
WK

Nr. 4: Cherubim / Stelen

Solo

wie die Cherubim in Hesekiels Vision?
„Ihre Beine - ein gerades Bein,
und die funkelten wie der Anblick geglätteten Kupfers.
Menschenhände unterhalb ihrer Flügel.
Anzusehen wie der Bogen, der im Gewölk wird am Regentag,
so anzusehn rings war der Glanz.
Das war das Ansehn der Gestalt SEINER Erscheinung.“
Jecheskel 1 nach: Martin Buber, Bücher der Kündung
Chor
Nein, Tumarkins Stelen ragen wie Pfähle aus mattem Eisen.
In beiden der Abdruck einer gespreizten Hand:
Segensgeste oder Abwehr des Schrecklichen?

WK

Nr. 4: Der Begriff „Gott“

Solo

„Gott“ - Ja, es ist das beladenste aller Menschenworte. Keins ist so besudelt, so zerfetzt worden. Gerade deshalb darf ich darauf nicht verzichten. Die Geschlechter der Menschen haben die Last ihres geängstigten Lebens auf dieses Wort gewälzt und es zu Boden gedrückt; es liegt im Staub und trägt ihrer aller Last ... Wo fände ich ein Wort, das ihm gliche, um das Höchste zu bezeichnen! Nähme ich den reinsten, funkelndsten Begriff aus der innersten Schatzkammer der Philosophie, ich könnte darin doch nur ein unverbindliches Gedankenbild einfangen, nicht aber die Gegenwart dessen, den ich meine, dessen, den die Geschlechter der Menschen mit ihrem ungeheuren Leben und Sterben verehrt und erniedrigt haben. Ihn meine ich, ja, ihn, den die höllengepeinigten, himmelsstürmenden Geschlechter des Menschen meinen.
Wir müssen die achten, die es verpönen, weil sie sich gegen das Unrecht und den Unfug auflehnen, die sich so gern auf die Ermächtigung durch "Gott" berufen; aber wir dürfen es nicht preisgeben. Wie gut läßt es sich verstehen, daß manche vorschlagen, eine Zeit über "die letzten Dinge" zu schweigen, damit die mißbrauchten Worte erlöst werden! Aber so sind sie nicht zu erlösen. Wir können das Wort "Gott" nicht reinwaschen, und wir können es nicht ganzmachen; aber wir können es, befleckt und zerfetzt wie es ist, vom Boden erheben und aufrichten über einer Stunde großer Sorge.

(„Gott“ aus Martin Buber: Begegnung)

Nr. 5: Unetanne tokef

Chor

Wir verkünden die gewaltige Heiligkeit des Tages. Er ist schauer- und furchterfüllt. An ihm wird Dein Königtum aufs höchste erhoben, auf Gnade gegründet Dein Thron, und Du in Wahrheit sitzest auf ihm. Du öffnest das Buch der Gedächtnisse, und es spricht sich für sich selbst, denn das Siegel eines jeden Menschen ist (durch sein Tun) ihm eingeprägt. Das große Schofar ertönt. Die Engel selbst stehen in Furcht und Zittern, denn auch sie sind in Deinen Augen nicht lauter im Gericht. Und alle Geschöpfe der Welt läßt Du an Dir vorüberschreiten und zählst und prüfst alle Lebenden, setzest Grenzen jedem Geschöpf und schreibst ihren Urteilsspruch nieder.

Aber Umkehr, Gebet und Bewährung wenden die Härte des Urteils ab.

Du wünschest nicht des Schuldigen Tod, sondern daß er von seinem Weg umkehre und lebe. In Wahrheit bist Du ihr Schöpfer und kennst ihren Trieb, daß sie Fleisch und Blut sind. Des Menschen Ursprung ist Staub, sein Ende ist Staub. Mit Einsatz seines Lebens erwirbt er sein Brot. Er gleicht zerbrochenem Ton, trockenem Gras, welkender Blume, hastigem Schatten, ziehender Wolke, flüchtigem Hauch, verwehtem Staub und schwindendem Traum.

Du aber bist König, lebendiger, ewig seiender Gott.

Gemäß dem Spruch der heiligen Serafim, die Deinen Namen in Heiligkeit heiligen, rufen sie, die in der Höhe wohnen, gemeinsam mit denen, die unten wohnen, dreimal in dreimaliger Heiligung - wie es durch Deinen Propheten geschrieben wurde:

Heilig, heilig, heilig.

Aus dem Gebet „Unetanne tokef“ Nach Leo Trepp, Der jüdische Gottesdienst, S. 120

Nr. 6: Psalm 47 Hörbeispiel (585 KB) Barbara Meszaros, Sopran, Thomas Fleischmann, Bass, Paulus-Chor, Südhessisches Kammerensemble

Soli und Chor

Alle Völker ihr, klatscht in die Hand!
Schmettert Gotte mit Jubelhall zu!
Ja, ER, der Höchste, ist furchtbar,
großer König ob allem Erdreich!
Er zwingt unter uns Völker,
Nationen uns unter die Füße,
er erwählt uns unser Eigentum,
den Stolz Jaakobs, den er liebt.
Hoch stieg Gott unter Schmettern,
ER beim Hall der Posaune.
Harfet Gotte zu, harfet!
Harfet unserm Könige, harfet!
Denn König alles Erdreichs ist Gott -
eine Eingebungsweise spielt auf!
Die Königschaft trat Gott an
über die Weltstämme,
Gott setzte sich auf den Stuhl seines Heiligtums.
Versammelt sind die Edeln der Völker,
das Volk von Abrahams Gott.
Ja, Gottes sind die Schilde des Erdreichs,
sehr erhöht ist er.

Psalm 47 nach Martin Buber, Das Buch der Preisungen

Nr. 7: Liturgie durch die Jahrhunderte

Solo

Jedem, der heute am Gottesdienst partizipiert, müsste deutlich werden können, dass er in eine Prozession des Gotteslobs eingereiht ist, die aus den Tiefen der Jahrhunderte von Abel bis Abraham herkommt ... Die Kraft der Liturgie liegt darin, dass sie Gedächtnis ist. Sie soll heilsgeschichtliche Tiefe nicht nur besitzen, sie muss sie auch ins Zeichen und ins Wort bringen, damit sie ›identisch‹ wird und Leben hervorbringt.

Martin Buber

Nr. 8: Einleitung

Sprech-Chor

Wäre es möglich, daß einer von seiner Person solcherweise ein psychphysisches Inventar aufnähme, daß er sie in eine Summe von Eigenschaften auflöste, wäre es weiter möglich, daß er jede dieser Eigenschaften und all ihr Zusammentreten enstehungsgeschichtlich zurückverfolgte bis auf die primitivsten Lebewesen, - gelänge so eine lückenlose genetische Analyse dieses Individuums, seine Ableitung und Zurückführung,dann wäre die Person, dieses Einmalige, Unvergleichbare, Einzige, Angesicht dessengleichen nie gewesen ist, ganz unabgeleitet, unableitbar, ganz da und nicht anders als da. Am Ende seiner vergeblichen Mühen sich noch einmal zur Frage nach dem Woher aufraffend, fände dieser Mensch sich in der letzten Besinnung vor als Geschöpf. Mit jeder Geburt tritt, weil jeder Mensch einzig ist, der erste Mensch in die Welt. Lebensmäßig, kindhaft, erfahren wir, daß Ursprung, daß Schöpfung ist.

aus: Martin Buber, Der Mensch von heute und die jüdische Bibel

Nr. 9: Lesung Hörbeispiel (413 KB) Barbara Meszaros, Sopran, Regine Neubert und Gabriele Wegner, Violinen

Solo

Adam - er sah sich müßig um,
Am allerersten Tag auf der Wiese,
Im Schatten eines Feigenbaums, da lag er,
Mit dem Arm unter’m Kopf, und schlief ein.

Er schlief einen tiefen ungetrübten Schlaf
unter des Garten Eden blauem Himmel.
... und da sah er im Traum die Öfen von Auschwitz
Und Gräben mit Leichen gefüllt.

Er sah seine Kinder! ...
In der Wonne von Eden
Lächelte fröhlich sein Gesicht.
So schlummerte er nichts begreifend,
Er kannte Gut und Böse noch nicht.

„Adam“ (1961) von Jevgenij Vinokurov, *1925

Nr. 10: Schlussbitte (aus: Alenu)

An uns ist es, zu preisen den Herrn des Alls, Größe zu geben dem Urschöpfer der Welt. Und darum warten wir, Ewiger, unser Gott, bald zu schauen die Verherrlichung deiner Macht, abzutun die Götzen, weg von der Erde, und die Nichtse, vertilgt sollen sie werden; zu ordnen die Welt durch das Reich des Allmächtigen, und alle Menschenkinder sollen anrufen deinen Namen; zu dir wenden alle Bösen der Erde; es sollen erkennen und wissen alle Bewohner des Erdkreises.

und du sollst herrschen über sie bald für immer und ewig; denn das Reich ist dein, und du wirst herrschen in Ehre bis in alle Ewigkeit, wie es heißt: »König bleibt ER alle Ewigkeit.

aus dem Gebet „Alenu“

Nr. 11: Einleitung Teil A

Solo

Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Okzident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände.

Er, der einzige Gerechte,
Will für jedermann das Rechte.
Sei von seinen hundert Namen
Dieser hochgelobet! Amen.

Mich verwirren will das Irren;
Doch du weißt mich zu entwirren.
Wenn ich handle, wenn ich dichte,
Gib du meinem Weg die Richte.

Ob ich Ird'sches denk und sinne,
Das gereicht zu höherem Gewinne.
Mit dem Staube nicht der Geist zerstoben,
Dringet, in sich selbst gedrängt, nach oben.

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehen, sich ihrer entladen:
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich preßt,
Und dank ihm, wenn er dich wieder entläßt.

aus: Goethe, West-östlicher Diwan

Einleitung Teil B

Der radikalste Glaube an Gott ist der, der erkennt, dass er nicht wissen kann, was Gott ist und was er will.

Fritz Deppert

Nr. 12: Lesung / Nr. 13: Lachen / Nr. 14: Akeda in der Liturgie Hörbeispiel (478 KB) Barbara Meszaros, Sopran, Thomas Fleischmann, Bass, Paulus-Chor, Joachim Enders, Orgel, Südhessisches Kammerensemble

Jizchak

 

Solo Bass

Besuch

Als aber Abraham neunundneunzig Jahre war, ließ ER von Abraham sich sehen

Anrede

und sprach zu ihm: Ich bin der Gewaltige Gott. Geh einher vor meinem Antlitz! Sei ganz!

 

Ankündigung und Name

Ssara dein Weib gebiert dir einen Sohn,

seinen Namen sollst du rufen: Jizchak, Er lacht.

 

 

Königtum

zum Vater eines Getümmels von Stämmen gebe ich dich. Könige fahren von dir aus. Segnen will ich Sarah, dass sie zu Stämmen werde. Könige von Völkern sollen werden aus ihr.

Zweifel

Abraham fiel auf sein Antlitz und lachte, er sprach in seinem Herzen: Einem Hundertjährigen soll geboren werden? Und Ssara soll als Neunzigjährige gebären?

 

Bund mit Abraham

Mit Jizchak will ich meinen Bund errichten zum Weltzeit-Bund für seinen Samen nach ihm. ....

 

Abschied

Und gott stieg auf, hinauf von Abraham.

 

Jeschua

 

Solo Sopran

Besuch

Und im sechsten Mond / ward der Engel Gabriel gesandt zu Maria.

Anrede

und sprach / Gegrüßet seistu Holdselige / der HERR ist mit dir /

Ankündigung und Name

Siehe / du wirst schwanger werden / und einen Sohn gebären / des Namen solltu Jesus heissen. Das ist / Der HERR hilft /

 

Königtum

Der wird groß / und ein Sohn des Höhesten genennet werden. Und Gott der HERR wird ihm den Stuel seines Vaters David geben / und er wird ein König sein ewiglich.

 

Zweifel

Da sprach Maria zu dem Engel / Wie soll das zugehen? Sintemal ich von keinem Manne weiß.

 

 

 

Bund mit Abraham

Er denket der Barmherzigkeit / Und hilft seinem Diener Israel auf. Wie er geredt hat unsern Vätern / Abraham und seinem Samen ewiglich.

Abschied

Und der Engel schied von ihr.

 

Geburt

Ssara gebar Abraham auf sein Alter einen Sohn.

Beschneidung

abraham beschnitt Jizchak seinen Sohn zu acht Tagen, wie Gott ihm geboten hatte.

Und Abraham rief den Namen seines sohnes: Jizchak, Er lacht.

 

 

Chor

Warum trägt Izchak, das Urbild unseres tragischen Schicksals, einen so unpassenden Namen, der Lachen bedeutet und Lachen auslöst?
Dies ist der grund: Als erster Überlebender lehrt er die Überlebenden der künftigen jüdischen Geschichte, daß es möglich ist, ein ganzes Leben lang zu leiden und zu verzweifeln und dennoch nicht auf die Kunst des Lachens zu verzichten.

Elie Wiesel, Adam oder das Geheimnis des Anfangs, 1994, S. 101

in Techanon 5, Probeheft im Internet

 

Solo

Das Kind wuchs groß und wurde entwöhnt, und Abraham machte ein großes Trinkmahl, am Tag da Jizchak entwöhnt wurde.

 

 

Bund mit Abraham und allen Völkern

und Gott sprach zu ihm: Mit Jizchak will ich meinen Bund errichten zum Weltzeit-Bund.

Werde ein Segen. Mit dir werden sich segnen alle Sippen des Bodens.

 

Geburt

Maria gebar ihren ersten Sohn

Beschneidung

Und da acht Tage umb waren / daß das Kind beschnitten würde /

da ward sein Name genennet Jesus, Der HERR hilft.

 

Und da die Tage der Reinigung nach dem Gesetz Mosi kamen / brachten sie Ihn gen Jerusalem in den Tempel/ Und siehe / ein Mensch mit Namen Simeon nahm Jesum auf seine Arm / und lobte Gott / und sprach:

HERR / nu lässestu deinen Diener im Friede fahren /Denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen

 

 

 

 

 

 

Bund mit Israel und allen Völkern

Welchen du bereitet hast / vur allen Völkern

Ein Licht zu erleuchten die Heiden / Und zum Preis deines Volks Israel.

 

 

 

 

 

Aufbruch

gott prüfte Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Nimm doch deinen sohn, deinen einzigen, den du liebst, Jizchak, und geh vor dich hin in das Land von Morija, und höhe ihn dort zur Darhöhung auf einem der Berge, den ich dir zusprechen werde.

 

Abraham stand frühmorgens auf, er sattelte seinen Esel, er nahm seine beiden Knaben mit sich und Jizchak seinen Sohn, er spaltete hölzer für die Darhöhung und machte sich auf und ging nach dem Ort, von dem Gott ihm gesprochen hatte. Am dritten Tag erhob Abraham seine Augen und sah den Ort von fern.

 

Trennung von den Gefährten

Abraham sprach zu seinen Knaben: Bleibt ihr hier. Ich aber und der Knabe wollen bis drüben hin gehen, niederwerfen wollen wir uns und dann zu euch kehren.

 

 

 

 

 

Abraham nahm die Hölzer zur Darhöhung, er legte sie Jizchak seinem Sohn auf, in seine hand nahm er das Feuer und das Messer. So gingen die beiden mitsammen.

 

Frage

Jizchak sprach zu Abraham: Vater! Er sprach: Da bin ich, mein sohn. Er sprach: Da ist nun das Feuer und die Hölzer, aber wo ist das Lamm zur Darhöhung? Abraham sprach: gott ersieht sich das Lamm zur Darhöhung, mein Sohn.

 

Aufbruch

So gingen die beiden mitsammen.

 

 

 

 

 

Aufbruch

Es begab sich aber / da die Zeit erfüllet war / daß er sollt von hinnen genommen werden / wendet er sein Angesichte stracks gen Jerusalem zu wandeln.

 

 

 

Jesus aber überkam ein Eselin / und reit drauf / Wie denn geschrieben stehet / Und da er nahe hin zu kam / und zoch den Öleberg erab / fing an der ganze Haufe seiner Jünger / mit Freuden Gott zu loben / und sprachen / Gelobet sei der da kompt ein König in dem Namen des HERRN / Fried sei im Himmel / und Ehre in der Höhe.

Trennung von den Gefährten

Da aber die Stunde kam / da Jesus das Osterlamb essen wollte mit seinen Jüngern / satzte er sich nieder / und die zwelf Apostel mit ihm / und er sprach zu ihnen / Mich hat herzlich verlanget dies Osterlamb mit euch zu essen / ehe denn ich leide. Denn ich sage euch / Daß ich hinfurt nicht mehr davon essen werde / bis daß erfüllet werde im Reich Gottes.

Und da sie den Lobgesang gesprochen hatten / gingen sie hinaus an den Öleberg. Und als er da hin kam / sprach er zu ihnen / Betet / auf daß ihr nicht in Anfechtung fallet. Und er reiß sich von ihnen bei einem Steinworf.

Frage

und kniet nieder / betet und sprach / Vater willtu / so nimm diesen Kelch von mir / Doch  nicht mein sondern dein Wille geschehe. Es erschein ihm aber ein Engel vom Himmel / und stärket ihn.

aufbruch

Und er stund auf von dem Gebet / und kam zu seinen Jüngern / und sprach zu ihnen /Siehe / die Stunde ist hie / daß des Menschen sohn in der Sünder Hände überantwortet wird. Stehet auf / laßt uns gehen.

Da sie aber Jesus gegriffen hatten / führeten ihn in des Hohenpriesterns Haus / und vur Pilatum / der übersandte ihn zu Herodes / der sandte ihn wieder zu Pilato / Pilatus aber rief die Hohenpriester / und die Obersten und das Volk zusammen.

Und sie sprachen / Er ist des Todes schüldig.

Und als sie ihn führeten / folget ihm nach ein großer Haufe Volks und Weiber / die klageten und beweineten ihn.

 

Der Unterschied

Sie kamen an den ort, den Gott ihm zugesprochen hatte. Dort baute Abraham die Schlachtstatt und schichtete die Hölzer und fesselte Jizchak seinen Sohn und legt ihn auf die Schlachtstatt zuoberst der Hölzer.

 

Abraham schickte seine Hand aus, er nahm das Messer, seinen sohn hinzumetzen.

 

Aber SEIN Bote rief ihm vom Himmel her zu und sprach: Abraham, abraham! Er sprach: Da bin ich. Er sprach: Schicke nimmer deine Hand nach dem Knaben aus, tu ihm nimmer irgendwas!

 

Denn jetzt habe ich erkannt, dass du Gottes fürchtig bist, - nicht vorenthalten hast du mir deinen Sohn, deinen Einzigen.

 

Abraham hob seine Augen und sah: da, ein Widder hatte sich dahinter im Gestrüpp mit den Hörnern verfangen. Abraham ging hin, er nahm den Widder und höhte ihn zur Darhöhung anstatt seines sohns.

 

 

 

Chor

In der Liturgie von Rosch haSchana ist vor Gott das Blasen des Widderhorns so, als ob sich jeder der Anwesenden selbst auf den Altar hätte binden lassen. Denn das Widderhorn erinnert an den Widder; den Awraham anstelle seines Sohnes opfern durfte.

nach Techanon 5

 

 

 

 

Solo

Abraham rief den Namen jenes Orts: ER ersieht.Wie man noch heute spricht: auf SEINEM Berg wird ersehn.

 

SEIN Bote aber rief Abraham ein zweites Mal vom Himmel her zu und sprach: Bei mir schwöre ich - SEIN Erlauten - ja, dieweil du dieses getan hast, hast deinen Sohn, deinen Einzigen, nicht vorenthalten, segne, ja segne ich dich, mehren will ich, mehren deinen Samen wie die Sterne des Himmels und wie den Sand der am Ufer des Meers ist,

segnen sollen einander mit deinem Samen alle Stämme der Erde, dem zu Folge dass du auf meine Stimme gehört hast.

 

abraham kehrte zu seinen Knaben zurück, sie machten sich auf und gingen mitsammen nach Ber-Scheba.

Nach Martin Buber: Im Anfang

 

Der Unterschied

Und als sie kamen an die Stäte / die da heißt Schäddelstät / kreuzigten sie ihn daselbs /

 

 

 

 

 

 

Die aber vur über gingen / und die Mörder / die mit ihm gekreuzigt waren / lästerten ihn / und sprachen / Er hat Gott vertrauet / der erlöse ihn nu / lüstets ihn /

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und umb die neunde Stunde schrei Jesus laut / und sprach / Eli / Eli / lama asabthani? Das ist / Mein Gott / Mein Gott / Warumb hastu mich verlassen.

 

Und Jesus rief laut / und sprach / Vater / Ich befehl meinen Geist in deine Hände.  Und als er das gesaget / verschied er.

Nach Martin Luther 1546, Evangelium S. Matthäus und S. Lucas

 

 

 

 

 

 

Nr. 15: Psalm 22

Chor und Soli

Mein Gott, mein Gott,

warum hast du mich verlassen?

Fern bleiben meiner Befreiung

die Worte meines Notschreis.

„Meine Gottheit!“ rufe ich tags

und du antwortest nicht,

nachts, und nicht wird mir Stillung.

 

O heiliger du,

auf Jisraels Preisungen thronend,

an dir wußten unsre Väter sich sicher,

sicher, und du ließest sie entrinnen,

zu dir schrien sie und durften entschlüpfen,

an dir gesichert wurden nie sie beschämt.

 

Ich aber, Wurm und nicht Mensch,

Hohn der Leute, verachtet vom Volk, -

die mich sehn, spotten mein alle,

verziehn die Lippe, schütteln den Kopf:

„Wälz es auf IHN!“ - „Der läßt ihn entrinnen,

rettet ihn, denn er hat an ihm Lust!“

 

Ja, du bists,

der aus dem Leib mich hervorbrechen ließ,

mich sicherte an der Brust meiner Mutter.

Auf dich bin ich vom Schoß ann geworfen,

vom Leib meiner Mutter her bist du mein Gott.

Nimmer bleibe mir fern,

nah ja ist die Bedrängnis,

da ist ja kein Helfer!

 

Umringt haben mich viele Farren,

Baschans Stierrecken mich umschränkt.

Ihr Maul sperren sie wider mich auf,

eine Löwenschar, reißend und schreiend.

Ich bin hingeschüttet wie Wasser,

trennen wollen sich all meine Knochen,

mein Herz ist worden wie Wachs,

in meinen Eingeweiden zerflossen,

meine Kraft ist dürr wie ein Scherben,

an meinem Schlund geklebt meine Zunge.

 

Du rückst mich in den Staub des Todes!

Hunde habe mich ja umringt,

umkreist mich eine Rotte von Bösgesinnten,

sie fesseln mir Hände und Füße,

zählen kann ich all meine Knochen.

Jene blicken herzu, sie besehn mich,

sie teilen unter sich meine Kleider,

über mein Gewand lassen sie fallen das Los.

 

Oh DU,

nimmer bleibe fern!

Du mein Wesensstand,

zu meiner Hilfe eile!

Rette meine Seele vorm Schwert,

meine Einzige vor der Tatze des Hundes,

befreie mich aus dem Maul des Löwen, -

wider Wisenthörner gibst du mir Antwort!

 

Ich will von deinem Namen meinen Brüdern erzählen,

inmitten der Versammlung will ich dich preisen:

„Ihr IHN Fürchtenden, preiset ihn,

aller Same Jaakobs, ehret ihn,

eschauert vor ihm, aller Same Jisraels!

Denn er hat nicht mißachtet,

hat nicht verschmäht

die Gebeugtheit des Gebeugten,

hat sein Antlitz vor ihm nicht versteckt,

hat gehört, wenn er zu ihm gestöhnt hat.“

Von dir her ist mein Preisen

in großer Versammlung. -

Meine Gelübde will ich bezahlen

den ihn Fürchtenden zugegen.

 

Essen sollen die sich Hinbeugenden

und sie sollen ersatten,

preisen sollen IHN, die nach ihm fragen!

Aufleben soll euch auf ewig das Herz! -

Bedenken werdens

und werden umkehren zu DIR

alle Ränder der Erde,

vor dir sich bücken aller Stämmewelt Sippen. -

Denn SEIN ist die Königschaft,

er waltet der Weltstämme.

 

Gegessen haben sie nun

 - und haben sich gebückt -

alle Markigkeiten der Erde,

sie knien vor ihm,

die in den staub waren gesunken,

wer seine Seele nicht halten konnte am Leben.

Der Same darf ihm nun dienen,

erzählt wird von meinem Herrn dem Geschlecht,

die kommen, die melden

seine Bewährung

dem nachgeborenen Volk:

daß ers getan hat.

Nach Martin Buber, Preisungen

 

Nr. 16: Erbe

Chor

„Isaak, so wird erzählt, wurde nicht als Opfer dargebracht.
Er lebte viele Tage,
sah das Gute, bis das Licht seiner Augen sich verdunkelte.
Doch jene Stunde vererbte er an seine Nachkommen.
Sie werden geboren
und ein Messer ist in ihrem Herzen.“

Aus: „Erbe“ von Chajim Guri (*1923 in Israel)

 

Nr. 17: Lessing: Die Religion christi

Ob Christus mehr als Mensch gewesen, das ist ein
Problem. Daß er wahrer Mensch gewesen, wenn er es
überhaupt gewesen; daß er nie aufgehört hat, Mensch
zu sein: das ist ausgemacht.
 
Folglich sind die Religion Christi und die christli-
che Religion zwei ganz verschiedene Dinge.
 
Jene, die Religion Christi, ist diejenige Religion,
die er als Mensch selbst erkannte und übte; die jeder
Mensch mit ihm gemein haben kann; die jeder
Mensch um so viel mehr mit ihm gemein zu haben
wünschen muß, je erhabener und liebenswürdiger der
Charakter ist, den er sich von Christo als bloßen
Menschen macht.
 
Diese, die christliche Religion, ist diejenige Religi-
on, die es für wahr annimmt, daß er mehr als Mensch
gewesen, und ihn selbst als solchen, zu einem Gegen-
stande ihrer Verehrung macht.
 
Wie beide diese Religionen, die Religion Christi
sowohl als die Christliche, in Christo als in einer und
eben derselben Person bestehen können, ist unbegreif-
lich.
 
Kaum lassen sich die Lehren und Grundsätze bei-
der in einem und ebendemselben Buche finden. We-
nigstens ist augenscheinlich, daß jene, nämlich die
Religion Christi, ganz anders in den Evangelisten ent-
halten ist als die Christliche.
 
Die Religion Christi ist mit den klarsten und deut-
lichsten Worten darin enthalten;
 
Die Christliche hingegen so ungewiß und vieldeu-
tig, daß es schwerlich eine einzige Stelle gibt, mit
welcher zwei Menschen, so lange als die Welt steht,
den nämlichen Gedanken verbunden haben.

Lessing: Die Religion Christi

 

 

 

Lesung 2: „Auschwitz“

Nr. 18:

Wenn er 33 geboren wäre
auf dem deutschen Gebiet,
wäre er inmitten Vieler ins KZ gegangen,
 
Im Jahre 36 müßte er durch das Gitter schauen
und über seinem Herz
trüge er einen gelben Fleck.
 
Aber im Jahre 40
bliebe er dort, wohin ich jetzt blicke.
Er käme in der Früh und vielleicht am Abend
in diese dichte Kammer von Auschwitz
voll von Gas.

nach Stanislaw Wygodzki / deutsch: Fela Shop

 

 

Nr. 19: Mein Volk

Solo und Chor

Der Fels wird morsch,
Dem ich entspringe
Und meine Gotteslieder singe....
Jäh stürz ich vom Weg
Und riesele ganz in mir
Fernab, allein über Klagegestein
Dem Meer zu.
Hab mich so abgeströmt
Von meines Blutes
Mostvergorenheit.
Und immer, immer noch der Widerhall
In mir,
Wenn schauerlich gen Ost
Das morsche Felsgebein,
Mein Volk,
zu gott schreit.

Else Lasker-Schüler, „Mein Volk“ in: Der siebente Tag (1905), dann in Hebräische Balladen (1913)

 

 

Nr. 20: Nichts ist trauriger

Nichst ist trauriger als die Fotografie eines Mädchens
im museum von Auschwitz
Eine solche Fotografie kann man dem Verlobten schenken
denn gibt es etwas Zärtlicheres
als diesen rasierten Kopf, der an eine Lerche erinnert
die Augen des Mädchens lassen erkennen
daß Kinder den Tod nicht fürchten
Es ist in ihnen noch das Licht des Vertrauens
in die Allmacht der Mutter
-
so stieg sie hinab in die Hölle

-

“Nichts ist trauriger” von Teresa Socha-Lisowska, *1928

aus dem Polnischen von Monica Moritz

 

 

Nr. 21:  *   *  *

Dort war Rauch
in Gestalt einer Hand
hochgehoben in der klaren Luft
erst später der Geruch
von verbranntem Haar
 
dort war Rauch
in Gestalt eines Kopfes
mit Augen die Feuer schrien
erst später fiel Staub
auf die Blumen
 
Dort war Rauch
in Gestalt einer Mutter
der man die Zunge herausriß
erst später rangen
die Bäume die Hände

von Mieczyslaw Michal Szargan, *1933

Den in auschwitz Verbrannten zum Gedächtnis, aus dem Polnischen von Karin Wolff

 

 

 

Nr. 22: Die Wiederkunft Gottes

Solo

In auschwitz vor dem Gericht nicht vor dem Jüngsten
ließ ein zum Martyrium Verurteilter
den Gott wiederkehren
der schon seit eh und je
keine Zeichen mehr gab
auf dem Himmel als auch auf der Erde
und bei der heiligsten Messe
gehalten auf dem Weltaltar
streckte er eine Woche lang sterbend
der Menschheit die Hand entgegen
-
Nach zweitausend jahren
wurde die Ordnung der dinge umgedreht

„Die Wiederkunft Gottes“ von Janusz Koniusz, *1934

aus dem Polnischen von Jan Herzig

 

 

Nr. 23: Zimzum - Selbstbegrenzung Gottes

Solo

»Das ist das Unerhörte: Gott, der souveräne Herr des Himmels und der Erde, bettelt um unsere Liebe, aber der allmächtige Vater ist ohnmächtig, solange wir nicht aus freiem Herzen auf seine zuvorkommende Liebe antworten - denn Liebe ohne Freiheit bleibt ein hölzernes Eisen. Diese Ohnmacht der Liebe empfinden wir heute als Schweigen Gottes oder vielleicht besser: als Diskretion Gottes. Gott ist diskret, bisweilen gar beängstigend diskret ... Gott hat in seiner diskreten Liebe genug Licht in seine Zeichen gesetzt, so daß er von denen gefunden werden kann, die ihn suchen wollen. Gott nimmt uns ernst. Er ist diskret, weil er liebt. Das ist göttliche Delikatesse ... Gott leidet, so lange seine Liebe nicht verstanden wird ... Dieses Warten ist Gottes Schmerz.«

26 J.B. Brantschen, Die Macht und Ohnmacht der Liebe.

Randglossen zum dogmatischen Satz: Gott ist veränderlich, in: FZPhTh 27 (1980) 224-246, 238f

 

 

Chor

Die Zeit ist das Warten Gottes, der um unsere Liebe bettelt

Simone Weil

Nr. 24: Opfer

Mit der „Bindung Isaaks“ wurde das Menschenopfer abgeschafft.
In Jesus von nazareth hat Einer sich selbst für Alle geopfert.
Heute opfern wir viele -
und merken’s nicht.

WK

Von 1993 bis 2001 sind in Deutschland
119 Menschen bei dem Versuch gestorben, illegal nach Deutschland zu gelangen, davon 89 an den deutschen Ostgrenzen.
92 Menschen haben sich angesichts drohender Abschiebung oder aus Protest dagegen getötet.
10 Flüchtlinge sind durch Polizeigewalt gestorben.
13 sind nach der Abschiebung im Herkunftsland ums Leben gekommen.
5 während der Abschiebung.

Dokumentation „Bundesdeutsche Flächtlingspolitik und ihre tödlichen Folgen“, Berlin 23.1.2001, zitiert nach FR vom 24.1.2001 (epd-Meldung)

Die Rettung auch nur eines einzelnen Menschenlebens ist oberstes Gebot und darin Teilnahme am Abraham-Segen und Realisierung der Abraham-Nachfolge. Die Ethik der Gerechtigkeit für die Gesellschaft im ganzen erhält also ihre Nagelprobe in der Ethik der Verantwortung für das Menschenleben im einzelnen.

Nr. 25: Gottesfinsternis

Die Zeiten der großen Probe sind die der Gottesfinsternis. Wie wenn die Sonne sich verfinstert,und wüßte man nicht, daß sie da ist,würde man meinen, es gäbe sie nicht mehr,so ist es in solchen Zeiten.Das Antlitz Gottes ist uns verstellt,und es ist, als müßte die Welt erkalten,der es nicht mehr leuchtet.Aber die Wahrheit ist, daß gerade erst dann die große Umkehr möglich wird,die Gott von uns erwartet,damit die Erlösung, die er uns zudenkt, unsre eigene Erlösung werde.Wir nehmen ihn nicht mehr wahr,es ist finster und kalt,als ob es ihn nicht gäbe,es erscheint sinnlos, zu ihm umzukehren,der doch, wenn er da ist,sich gewiß nicht mit uns abgeben wird,es erscheint hoffnungslos zu ihm durchdringen zu wollen.Ungeheures muß in uns geschehen,damit wir die Bewegung vollziehen,Aber wenn das Ungeheure geschieht, ist es die große Umkehr, die Gott erwartet.Die Verzweiflung sprengt das Verlies der heimischen Kräfte. Die Quellen der Urtiefe brechen auf.

aus: Buber, „Gog und Magog“

Nr. 26: 9 bibelverse (+ Ps.150 als „Zusatz“ und Num 10.10 in Anschlußsegen), in denen Gottes Erlösung mit dem ton des Schofars proklamiert wird:

Und es war am dritten Tag, als es Morgen ward, da waren Donner und Blitze und eine schwere Wolke auf dem berg und ein überaus starker Schofarton. Alles Volk, das im Lager war, erbebte. Ex 19,16

Während der Schofarton immer fortfuhr und stärker wurde, sprach Mosche, und Gott antwortete ihm laut. Ex 19,19

Und das ganze Volk sah die Stimmen und die Flammen, und den Schofarruf, und den Berg dampfend; das Volk sah und bebte, und stand von fern. Ex. 20,16

Ist Gott in der Terua-Huldigung emporgestiegen, erscheint Er als Gott, der All-liebende, mit dem Schofarruf. Psalm 47,6

Mit Posaunen und Schofarruf wecket Huldigung vor Gott, dem König. Psalm 98,6

Stoßt am Neumond in den Schofar, am Tag der Mondverhüllung für den Tag unseres Festes. Denn es ist ein Gesetz für Jisrael, Gericht hält Jakows Gott. Psalm 81,4

Hallaluja! Sprechet Gott in Tatenlob aus in Seinem Heiligtum, sprechet Ihn aus in dem Himmel Seiner unwiderstehlichen Macht. Sprechet Ihn aus in Seinen Allmachttaten, sprecht Ihn aus nach der fülle Seiner Größe. Sprechet Ihn aus mit Schofarruf, sprecht Ihn aus mit Psalter und harfe. Sprechet Ihne aus mit Pauk’ und Reigen, sprecht Ihn aus mit Saitenspiel und Flöte. Sprechet Ihn aus mit schallenden Zimbeln, sprecht Ihn aus mit erschütternden Zimbeln. Aller Lebensodem spreche Gott in Tatenlob aus, hallaluja! Psalm 150,3

Alle, die die Menschenwelt bewohnen, und auf Erde weilen, wenn man das Wahrzeichen der Berge erhebt, werdet ihr es sehen, und hören, wenn man in den Schofar stößt. jesaja 18,3

Es wird geschehen, an jenem Tag wird gestoßen in den großen Schofar, und es kommen die in dem Land Aschur Verlorenen und die Verscheuchten im Land Mizrajim und werfen sich Gott nieder auf dem heiligen Berg in Jeruschalajim. Psalm 27,13

Und Gott erscheinet über ihnen, und wie der Blitz geht Sein Pfeil hinaus , und mein Herr, Gott, der im Recht Liebe Übende, stößt  in den Schofar und schreitet voran in den Stürmen des Südens. Gott Zewaot schirmt sie. Sach 9,14

An einem tag eurer Freude und an euren Festzeiten und an den Anfängen eurer Monate blaset ihr mit den Trompeten bei euren Emporopfern und bei euren Friedenmahlopfern , und sie werden euch zum Gedächtnis vor eurem Gott, Ich, Gott, euer Gott. Numeri 10,10

aus Hirsch Siddur

Denn Du hörst den Ton des Schofars und neigst der Terua Dein Ohr, und nichts gleicht Dir. Gesegnet seist Du, Gott, der den Teruaton Seines Volkes Jisrael hört in Erbarmen.

aus Hirsch Siddur

Nr. 27: Alenu

An uns ist es, zu preisen den Herrn des Alls, Größe zu geben dem Urschöpfer der Welt. Und darum warten wir, Ewiger, unser Gott, bald zu schauen die Verherrlichung deiner Macht, abzutun die Götzen, weg von der Erde, und die Nichtse, vertilgt sollen sie werden; zu ordnen die Welt durch das Reich des Allmächtigen, und alle Menschenkinder sollen anrufen deinen Namen; zu dir wenden alle Bösen der Erde; es sollen erkennen und wissen alle Bewohner des Erdkreises.

und du sollst herrschen über sie bald für immer und ewig; denn das Reich ist dein, und du wirst herrschen in Ehre bis in alle Ewigkeit, wie es heißt: »König bleibt ER alle Ewigkeit.

Gebet „Alenu“ nach: Payer, Internet

 

 

Nr. 28: „Sinn“

Daß du Gott brauchst, mehr als alles, weißt du allzeit in deinem Herzen; aber nicht auch, daß Gott dich braucht, in der Fülle seiner Ewigkeit dich? Wie gäbe es den Menschen, wenn Gott ihn nicht brauchte, und wie gäbe es dich? Du brauchst Gott, um zu sein, und Gott braucht dich - zu eben dem, was der Sinn deines Lebens ist.

aus: Martin Buber in Ich und Du

 

 

Nr. 29: Epilog: Stelen

Chor

Ausgerichtet nach Jerusalem,
stehen sie dicht beieinander,
leicht versetzt, als wollten sie drei Schritte vorwärts gehen
zum Gebet.

Solo

wie die Cherubim in Hesekiels Vision?
„Ihre Beine - ein gerades Bein,
und die funkelten wie der Anblick geglätteten Kupfers.
Menschenhände unterhalb ihrer Flügel.
Anzusehen wie der Bogen, der im Gewölk wird am Regentag,
so anzusehn rings war der Glanz.
Das war das Ansehn der Gestalt SEINER Erscheinung.“

Jecheskel 1 nach: Martin Buber, Bücher der Kündung

Solo

Nein, Tumarkins Stelen ragen wie Pfähle
aus mattem Eisen.
In beiden der Abdruck einer gespreizten Hand:
Abwehr des Schrecklichen und Geste des Segens.

Nr. 30

Wie der Regenbogen, so sind auch sie
ein Zeichen für den Bund Gottes mit den Nachkommen Noahs, Abrahams und Isaaks,
und Zeichen für den Bund Gottes mit allen Fremden.
Die Skandale von Bindung und Kreuzigung reizen zur Suche nach der Frage, auf die wir die Antwort sind .
Die Erinnerung muss wachgehalten werden
-
aber Tumarkins Stelen rosten

 

 

 

 

 

 

Quellen

 

Israels Gebete, übersetzt und erläutert von Samson Raphael Hirsch, Verlag Morascha Zürich-Basel 1992

Leiden an der Unerlöstheit der Welt - Robert Rahphael Geis, Briefe, Reden, Aufsätze, Chr. Kaiser Verlag1984

Rabbiner Chajim Halevy-Donin, Jüdisches Gebet heute, Verlag und Buchvertrieb Morascha Zürich, 1986

Leo Trepp, Der jüdische Gottesdienst Gestalt und Entwicklung, Verlag W. Kohlhammer, 1992

Die Heilige Schrift Hebräisch-Deutsch, übersetzt von Leopold Zunz, Sinai-Verlag 1997

Der Babylonische Talmud, ausgewählt, übersetzt und erklärt von Reinhold Mayer, W. Goldmann Verlag, 1963

Leo Hirsch, Jüdische Glaubenswelt, C. Bertelsmann Verlag,  1962/66

Martin Buber, Gog und magog, Verlag Lambert Schneider,  1949

Else Lasker-Schüler, sämtliche Gedichte, Köselverlag 1966

„Was habt ihr da für einen Brauch?“, jüdische Riten und Feste, Eine Arbeitshilfe für Schule und Gemeinde von Marion Rink in Schönberger Hefte - Sonderband 1988, Folge 8

Auschwitz Gedichte, ausgewählt und herausgegeben von Adam A. Zych und Dorothea Müller-Ott, Verlag Staatliches Museum in Oswiecim, 1998

Fritz Deppert, Kurzschrift, Gedanken und Standortbestimmungen, Calatra Press