Ausführende:
Alexandra Buselmeier, Sopran
Susanne Schaeffer, Alt
Rüdiger Husemeyer, Tenor
Dietrich Volle, Baß (Jesus)
Peter Schüler, Baß (Arien)
Paulus-Chor Darmstadt
Südhessisches Kammerensemble
Flöte: Dorel Baicu-Simon, Christiane Frey. Oboe: Friedhelm
Neubert, Tatjana Schuler. Fagott: Pavel Ionescu. Violine 1: Regine Neubert,
Beate v.Stumpff-Sohler, Andrea Döring, Christine Feldner. Violine
2: Gabriele Wegner, Ulrike Möhn, Elke Wagenhäuser. Viola: Angela
Pusch, Kerstin Pramschüfer. Cello: Lindsay Chalmers-Gerbracht. Gambe:
Jörg Meder. Kontrabaß: Stefanie Lange. Orgel: Kirsten Thur.
Leitung: Wolfgang Kleber
I.
Der Evangelientext selbst wird auf melodisch, rhythmisch und harmonisch
höchst differenzierte Weise ausdrucksvoll vorgetragen. Der „Evangelist"
(Solotenor) erzählt die Handlung; wörtliche Reden anderer Personen
werden von Solosängern übernommen; der Chor singt die Worte von
Personengruppen.
II.
Die fortlaufende Erzählung wird von Arien und Chorälen unterbrochen,
die in der Sprache ihrer Zeit zum Evangelientext Stellung beziehen. Viele
der Dichtungen, die Bach vertont hat, wecken aber in uns heute Widerspruch;
viele der barocken Bilder erscheinen geradezu unpassend. Nehmen wir sie
in Kauf, weil die Musik so gut ist? Erst, wenn wir solche Texte genauer
untersuchen, können wir ihre Qualität erkennen und interessante
Dinge feststellen.
Betrachten wir zum Beispiel den Text der Tenorarie Nr. 32: „Erwäge,
wie sein blutgefärbter Rücken in allen Stücken dem Himmel
gleiche geht". - Noch geschmackloser scheint es nicht zu gehen: der blutig
geschlagene Rücken eines unschuldig gefolterten Menschen „gleicht
dem Himmel" - wie ist das zu verstehen? Im weiteren Verlauf der Tenorarie
erklärt sich der Text selbst:
„Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken in allen Stücken
dem Himmel gleiche geht, daran, nachdem die Wasserwogen von unsrer Sündflut
sich verzogen, der allerschönste Regenbogen als Gottes Gnadenzeichen
steht!"
Wir haben es hier nicht mit einem Text zu tun, der gängige
Bilder verwendet, die als solche direkt verständlich sind. Vielmehr
wird durch das Verbinden verschiedener Begriffe Bibelexegese verdichtet.
Das Alte Testament interpretiert die Naturerscheinung des Regenbogens
als ein Zeichen für den Bund Gottes mit den Menschen: „Und Gott sagte
zu Noah und seinen Söhnen mit ihm: Siehe, ich richte mit euch einen
Bund auf und mit euren Nachkommen. Und ich richte meinen Bund so mit euch
auf, daß hinfort nicht mehr alles Fleisch verderbt werden soll durch
die Wasser der Sintflut und hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die
die Erde verderbe. Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den
ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier
bei euch auf ewig: Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll
das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt,
daß ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen
Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen
mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, daß
hinfort keine Sintflut mehr komme." (1.Mose 9,8-15).
In der Tenorarie hören wir: „nachdem die Wasserwogen von unsrer
Sündflut sich verzogen, der allerschönste Regenbogen als Gottes
Gnadenzeichen steht!"
Wie aber „geht der blutgefärbte Rücken dem Himmel gleiche"?
Mit dem Regenbogen vergleicht der Dichter den gefolterten Rücken.
Nicht optisch-bildhaft ist das gemeint, schon gar nicht emotional. Vielmehr
geht es um den theologischen Sinn, der mit den beiden so widersprüchlichen
Worten zusammenhängt. Zwei dogmatische Sätze werden verglichen:
- Die Sintflut oder Sündflut kam als Strafe. Danach setzte Gott
als Zeichen seiner hinfort geltenden Gnade den Regenbogen an den Himmel.
Also: Der Regenbogen erinnert an den „alten Bund" Gottes mit den Menschen.
- Jesus musste „um unserer Sünde willen" leiden und sterben. Danach
wurde er auferweckt, wie wir alle auferweckt werden sollen.
Also: Der „blutgefärbte Rücken", ein einziges Detail des
Leidenswegs Jesu - exemplarisch für die ganze Passion, erinnert an
den in Jesus Christus geschlossenen „neuen Bund" Gottes mit den Menschen.
„Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken in allen
Stücken dem Himmel gleiche geht, daran, nachdem die Wasserwogen von
unsrer Sündflut sich verzogen, der allerschönste Regenbogen als
Gottes Gnadenzeichen steht!"
III.
Die Bedeutung bestimmter Aussagen wird durch formale Proportionen unterstrichen. Es ist bei einem Kunstwerk nicht gleichgültig, an welcher Stelle welche Texte plaziert sind. Bezogen auf die Gesamtform sind zum Beispiel folgende Fragen aufschlussreich: was steht am Anfang, was am Ende? Spielt der „Goldene Schnitt" eine Rolle? Gibt es Zentren, die durch symmetrische Anordnung der sie umgebenden Teile betont werden? Gibt es Stücke, die durch ihre Länge wesentlich hervorgehoben sind?
Der „Goldene Schnitt" spielt in zahlreichen Kunstwerken aller Gattungen
eine große Rolle. Eine Form nach dem „Goldenen Schnitt" zu teilen,
bedeutet, dass der kleinere zum größeren Teil in genau demselben
Verhältnis steht wie der größere Teil zum Ganzen. In Bachs
Johannespassion liegt der „Goldene Schnitt" in der Arie Nr. 48 „Eilt, ihr
angefochtnen Seelen", und zwar exakt bei den Worten „Nehmet an des Glaubens
Flügel". Diese Arie wird zusätzlich auch dadurch hervorgehoben,
dass sie gemessen an der Taktzahl mit Abstand das längste Stück
des ganzen Oratoriums ist und dass sie eine ganz ungewöhnliche Vokalbesetzung
hat (Solobass und dreistimmiger Chor). Dem Text dieser durch ihre formalen
Eigenheiten hervorgehobenen Arie gilt demzufolge besondere Aufmerksamkeit.
Er rückt den Evangelienbericht in das Licht von Luthers Rechtfertigungslehre.
Luther stellte die verängstigte Frage: „Wie kriege ich einen gnädigen
Gott"? Und er lehrte: Auf sich selbst gestellt gibt es für den Menschen
keine Hoffnung, sondern nur im Glauben an die Erlösung durch den Kreuzestod
Jesu Christi.
Genau dies drückt auch Bachs Arientext aus: „Eilt, ihr angefochtnen
Seelen, nach Golgatha. Nehmet an des Glaubens Flügel, flieht zum Kreuzeshügel;
eure Wohlfahrt blüht allda". Mit wenigen Worten verweist diese Arie
auf die Bedeutung der Passion Jesu. Hierin steht sie in einer Reihe mit
den 12 Chorälen des Oratoriums, die sozusagen die Antwort der christlichen
Gemeinde auf den Evangelientext darstellen. Dieser Zusammenhang wird wiederum
durch ein formales Verhältnis unterstrichen: die 11 Choräle,
welche homophon vierstimmig gesungen werden (der 12. Choral ist mit einer
Soloarie verquickt), haben zusammen genau soviele Takte wie die Arie „Eilt,
ihr angefochtnen Seelen".
Der Choral „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn" wird symmetrisch eingerahmt durch 6 Chorstücke, die sich - bei unterschiedlichen Texten - musikalisch paarweise entsprechen. Es handelt sich dabei um die Worte, die der Verfasser des Johannesevangeliums den „Hohenpriestern" (also der geistlichen Führung) beziehungsweise den „Juden" (den Volksmassen) oder den „Kriegsknechten" zugeschrieben hat. Auch hier spiegelt die Form den Inhalt wider. Der Begriff „Gefängnis" findet sich sozusagen umklammert zwischen den Chorstücken mit den Worten „Sei gegrüßet, lieber Judenkönig", „Kreuzige", „....nach dem Gesetz soll er sterben", „Lässest du diesen los, so bist du des Kaisers Freund nicht", „Weg mit dem, kreuzige" und „Schreibe nicht: der Juden König". Bezeichnenderweise ist der Choral „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn" außerdem das 40. Stück in der Johannespassion. Die Zahl 40 wird in der Zahlensymbolik häufig für Zeiten des Fastens, der Vorbereitung, der Prüfung eingesetzt (Sintflut, Wüstenwanderung Israels, Christi Aufenthalt in der Wüste, Fastenzeit).
Anfang und Ende der Johannespassion in der heute aufgeführten Form
(die vermutlich unter den verschiedenen Fassungen die „gültigste"
ist) unterstreichen ein Charakteristikum des Johannesevangeliums.
Der Eingangs-Chor zitiert Worte des achten Psalmes . Doch anders als
im Psalm spricht die Anrede „Herr, unser Herrscher" hier nicht Gott als
den Schöpfer an, sondern sie wendet sich an den Gottes-Sohn, der auch
„in der größten Niedrigkeit" verherrlicht worden ist, also durch
sein Leiden und Sterben auf Gottes Herrlichkeit hingewiesen hat. Dieser
Widerspruch zwischen tiefster Erniedrigung und gleichzeitiger „Verherrlichung"
erscheint uns unbegreiflich. Doch sieht das Johannesevangelium gerade in
der tiefsten menschlichen Erniedrigung die „Erhöhung" am Kreuz als
„Verherrlichung". Die Betonung der Gottheit Jesu ist typisch. Sogar im
Leiden wird er eher als unverletzlicher Gott denn als sterblicher Mensch
dargestellt. Der in den Evangelien nach Markus und Matthäus überlieferte
Ausruf Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen",
fehlt im Johannesevangelium.
Am Ende des Schlußchorals wird das inhaltliche Motiv des Eingangschores
wieder aufgegriffen: „Herr Jesu Christ, erhöre mich, ich will dich
preisen ewiglich".
(Wolfgang Kleber)