Matthäuspassion
 
 
 

Johann Sebastian Bach: MATTHÄUSPASSION

 

I. Text

II. Gedanken zu Form und Inhalt

III. Konzert in der Pauluskirche

Evangelische Pauluskirche Darmstadt
Sonntag, 22. März 1998, 16.00 Uhr
Giebelrelief über dem Haupteingang der Pauluskirche
Giebelrelief von Robert Cauer über dem Haupteingang der Pauluskirche, Foto: Wolfram Jäger
Johann Sebastian Bach
M A T T H Ä U S
P A S S I O N
Elisabeth Schmock, Sopran
Susanne Schaeffer, Alt
Wilfried Rombach, Tenor
Bardo Michaelis, Bass (Jesus)
Matthias Horn, Bass (Arien)
Dorel Baicu, Flötensolo
Friedhelm Neubert, Oboensolo
Regine Neubert, Gabriele Wegner, Solovioline
Jörg Meder, Gambe
Continuo:
Pavel Ionescu, Fagott, Birte Schultz und Lindsay Gerbracht, Cello
Christoph Hunck und Stefanie Lange, Kontrabaß, Kirsten Thur, Orgel
Paulus-Chor Darmstadt
Südhessisches Kammerensemble
Leitung: Wolfgang Kleber
Eintrittspreise: DM 25,- / 20,- / 15,- . Schüler, Studenten, Rentner erhalten eine Ermäßigung um 3,- DM.
Mit Paulus-Musik-Card: DM 2,- Rabatt.  Vorverkauf: Infostand im Luisencenter


Johann Sebastian Bach hat den Text aus den Kapiteln 26 und 27 des Matthäusevangeliums opernhaft dramatisch vertont. Die erzählenden Texte werden vom Solotenor gesungen („Evangelist") und nur von Orgel und Cello mit knappen Akkorden begleitet. Wörtliche Rede wird besonderen Solostimmen zugeteilt, Personengruppen werden vom Chor übernommen (die Jünger, die Kriegsknechte, das Volk, die Ältesten des Volks). In besonderer Weise werden die Worte Jesu behandelt: die Begleitakkorde werden von den Streichinstrumenten des ersten Orchesters ausgehalten.
Der Text aus dem Matthäusevangelium wird regelmäßig durch zahlreiche Solo- und Chorstücke, die das Geschehen kommentieren und deuten, unterbrochen.

Bachs Vertonung des Evangelientextes zeichnet sich durch sinnfällige Ausdruckskraft aus. Gleichzeitig werden durch den Einbau bestimmter Zahlenverhältnisse Form und Inhalt miteinander verbunden.

Heute, gut ein Viertel Jahrtausend nach ihrer Entstehung, vermag uns die Musik Johann Sebastian Bachs gefühlsmäßig direkt anzusprechen. Doch um sie wirklich zu verstehen, bedarf es des genauen Studiums und der Beschäftigung mit der geistigen Umgebung, in der Bach lebte und arbeitete.
In der Theologie spielten zwei Richtungen eine Rolle: die lutherische Orthodoxie und der Pietismus. Die Orthodoxie hat ihren Schwerpunkt in der reinen Lehre der von Martin Luther erarbeiteten Theologie. Der Pietismus hat sein Interesse vor allem an dem persönlichen Leben des Einzelnen in seiner Beziehung zu Gott, was sich unter anderem auch in einer Wertschätzung mystischen Erlebens äußert. Beide theologische Richtungen begegnen uns in der Matthäuspassion.
 

Schuldbekenntnis

Luthers Frage: „Wie bekomme ich, der sündige Mensch, einen gnädigen Gott?" und seine Antwort: „Jesus Christus ist für uns gestorben, sein Opfertod bewirkt die Vergebung unserer Schuld vor Gott", werden in der Matthäuspassion unter anderem in den Rahmenstücken aufgegriffen: „...Seht, wohin?, auf unsre Schuld...", und: „...Euer Grab und Leichenstein soll dem ängstlichen Gewissen ein bequemes Ruhekissen und der Seelen Ruhstatt sein..." In diesem Sinne werden die Textabschnitte aus dem Matthäusevangelium gedeutet. So betonen die eingeschobenen Choräle immer wieder, daß nicht Judas oder die jüdischen Theologen oder Volksgruppen die Schuld am Leiden und Sterben Jesu tragen, sondern, daß dies für unsre Schuld geschehen mußte. Stellvertretend für die ganze Gemeinde der Musizierenden und der Zuhörer singt der Chor: „Ich bin’s, ich sollte büßen", „Ich, ach Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet," „O Mensch, bewein dein Sünde groß," „Die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte, für seine Knechte!" usw.
Die Textstelle: „Sein Blut komme über uns und unsre Kinder", die im Evangelium die Zerstörung Jerusalems und Zerstreuung des jüdischen Volkes als Strafe für die Ablehnung und Tötung des Messias durch sein eigenes Volk interpretiert, wird von Bach umgedeutet. Zunächst unterstreicht zwar seine Vertonung des Evangelienberichtes in dramatischer Weise die Schilderung des Matthäus; ganz offensichtlich weist der Chorsatz „Sein Blut komme über uns" mit Hilfe einfachster Zahlensymbolik auf die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 hin (die Worte „über uns" bzw. „und unsre Kinder" werden insgesamt 70 mal gesungen). In der folgenden Arie heißt es aber: „... laßt (mein Herz) ... wenn die Wunden milde bluten, auch die Opferschale sein". Gemeint ist  in Bachs Deutung, daß das Blut des Erlösers wie ein Segen über uns und unsre Kinder kommen soll.
Es ist ein Mißverständnis der Bach’schen Matthäuspassion, wenn ihr eine antisemitische Tendenz unterstellt wird. In diesem Werk geht es überhaupt nicht um die historische Schuldfrage, wer den Juden Jesus von Nazareth ermordet hat, welche Juden zu ihm hielten und welche Juden ihn bekämpften, welche Rolle die römische Besatzungsmacht gespielt hat. Schon gar nicht geht es darum, spätere Greueltaten an jüdischen Menschen zu rechtfertigen! Hingegen geht es Bach um die Bedeutung der Passion Jesu für das persönliche Seelenheil. Schon das Matthäusevangelium selbst fordert an keiner Stelle zu Judenhaß auf. Kritisiert wird in erster Linie die jüdische Führungsschicht. Sein Verfasser stellt das „Strafgericht" nicht als triumphierenden Racheakt dar, sondern er versucht es für seine Leser zu deuten und zu erklären.
 

Alter Bund - Neuer Bund

Zur Orthodoxie gehört die theologische exegetische Arbeit. So ist auch zu fragen, was die Besonderheiten des Matthäusevangeliums sind - etwa im Vergleich mit den anderen Evangelien - , wie es sich in das Neue Testament einfügt, was seine Stellung in der Bibel ist.
Das Matthäusevangelium wurde etwa 60 Jahre nach Jesu Tod für eine griechischsprachige Gemeinde von Christen jüdischer und heidnischer Herkunft geschrieben. Die überlieferten Worte Jesu und die Erzählungen über sein Leben und Wirken werden vom Verfasser des Matthäusevangeliums immer wieder in Bezug zum Alten Testament (zur damaligen „Bibel") gesetzt, indem er Textstellen aus Büchern des Alten Testamentes zitiert. Der „Neue Bund" Gottes mit den Menschen (das „Neue Testament"), den Jesus verkündet hat, wird im Zusammenhang mit dem „Alten Bund" („Altes Testament") gesehen; der „Neue Bund" ist die Erfüllung des „Alten Bundes". Im Matthäusevangelium sagt Jesus:
„Ihr sollt nicht meinen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten (=die Schriften des Alten Testaments) aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen" (Matth. 5, 17).
Bach hat den Zusammenhang vom Alten und Neuen Bund mit Hilfe formaler Proportionen in die Matthäuspassion eingearbeitet. Der Umgang mit Zahlen als Symbolen war ihm geläufig. Insofern darf man diesen Aspekt bei der Betrachtung seiner Kompositionen nicht außer acht lassen. Die Bibel besteht aus 66 einzelnen Büchern. Davon bilden 39 das Alte Testament und 27 das Neue Testament. Die Zahl 39 steht also für den Alten Bund Gottes mit dem Volk Israel, die Zahl 27 für den Neuen Bund mit allen Menschen, für das Evangelium. Beide Zahlen spielen in Bachs Matthäuspassion gemeinsam mit der Zahl 22, auf die ich weiter unten eingehen werde,  eine formbildende Rolle. Sehr interessant ist auch die Tatsache, daß Bach für den Beginn des zweiten Teils der Komposition, deren Gesamtzahl von 39 Abschnitten auf den „Alten Bund" hinweist, einen Vers aus dem Hohen Lied ausgewählt hat, der recht eindeutig auf die Erwählung des jüdischen Volkes hinweist. In der allegorischen Auslegung des Hohenliedes meint die „Schönste unter den Töchtern" gewiß das Volk Israel. Wenn Bach also singen läßt: „Wo ist denn dein Freund hingegangen, o du Schönste unter den Weibern? ... So wollen wir ihn mit dir suchen," dann unterstreicht dies die Absicht des Matthäusevangeliums, daß beide, Juden und Heiden (=Nichtjuden), Jesus als den „Bräutigam" suchen sollen. Für uns in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird dies heißen: Judentum und Christentum pflegen einen intensiven Dialog in wechselseitigem Verständnis und Achtung.
 

Jesus, der Bräutigam

In vielen Texten des Christentums wird Jesus der "Bräutigam" der Kirche bzw. der gläubigen Seele genannt. Ihre Wurzel hat diese Tradition im Alten Testament (Hoheslied Salomos). Im Neuen Testament finden wir es z.B. in Matth. 9,15: Jesus antwortete ihnen: „Wie können die Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es wird aber die Zeit kommen, daß der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten."
Auch viele spätere Dichtungen verwenden die Bildersprache von Braut und Bräutigam.
Die Brautmystik, die Bernhard von Clairvaux (1090-1153) in seiner Exegese des Hohenliedes entwickelt hat, spielte für Martin Luther eine besondere Rolle.
In der Matthäuspassion kommt der Brautmystik inhaltlich wesentliche und formbildende Bedeutung zu.
Beide Teile werden mit Texten eröffnet, die auf die Brautmystik anspielen:
Eingangschor zum 1. Teil: „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen, sehet - wen? - den Bräutigam"
Eingangschor des 2. Teils: „...Wo ist denn dein Freund hingegangen, o du Schönste unter den Weibern?"
In unterschiedlicher Weise wird das Hohelied Salomos, die alttestamentliche Sammlung von Liebesgedichten, in Bachs Komposition eingeflochten: Die Komposition Bachs ist so gegliedert, daß - bildlich gesprochen - im ersten Teil „Braut" und „Bräutigam" noch beieinander und im zweiten Teil getrennt sind.  
 

Symmetrie

 
 
Fein ausbalancierte Symmetrieverhältnisse prägen beide Teile der Matthäuspassion sowie deren Verhältnis zueinander. Die Grafik versucht dies andeutungsweise zuveranschaulichen; sie zeigt an, welche Form das Gesamtwerk hat, wenn man betrachtet, welche Chöre und Arien wieviele Takte haben. Auch im Bereich der Anordnung von Tonarten sowie beim Vergleich von Satztechniken und musikalischen Motiven findet man zahlreiche symmetrische Entsprechungen.

In seiner Matthäuspassion hat Johann Sebastian Bach ein Werk geschrieben, das sowohl unter rein musikalischen Gesichtspunkten eine klar strukturierte Großform aufweist, als auch eine enge Beziehung zwischen Form und Inhalt zu erkennen gibt.

Wolfgang Kleber, Darmstadt, 12. März 1998
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