Predigt zum letzten
Sonntag nach Epiphanias
am 29.1.2012
Text: Offenbarung 1, 9-18
Liebe Gemeinde,
wer sich in den Tagen vor dem letzten Jahreswechsel im Zeitschriftenladen umgeschaut hat, konnte dieses Titelbild wahrnehmen:
Der „Spiegel
Geschichte“ zeigt das Gesicht Jesu, wie es Lucas Cranach der
Ältere vor knapp 500 Jahren gemalt hat. Als ich unseren
Konfirmanden dieses Bild ohne seine Unterschrift zeigte und fragte,
wer diese Person ist, haben sie natürlich sofort Jesus erkannt.
Als ich dann fragte, woran wir ihn eigentlich erkennen, sagten die
Jugendlichen, dass er immer einen Bart und lange Haare hat, dass er
schmal ist und einen ernsten Blick hat. Er schaut einen immer an,
sagte jemand von den Konfirmanden. Wir nahmen es zum Ausgangspunkt um
darüber nachzudenken, wie wir Jesus sehen, wer er für uns
ist, was wir für ein Bild von ihm haben. Diese Fragen möchte
ich auch uns, liebe Gemeinde, an diesem Sonntagmorgen ans Herz legen?
Welches Bild steht mir vor Augen, wenn ich an Jesus denke?
Bei vielen dürfte es das Bild des Gekreuzigten sein, das sie mit Jesus verbinden. Als Leidender am Kreuz ist er uns besonders nahe, wenn wir selbst leiden müssen. Es tröstet, zu sehen, dass wir nicht alleine mit unserem Leiden sind.
Doch auch das Bild von Cranach ist durchaus typisch: Ein ernster Mensch, der uns ansieht und dem wir nicht ausweichen können. Jemand, der ein offenes Ohr hat und auf den wir uns immer verlassen können.
Vielleicht bewegt so manche aber auch das Bild des Herrschers, des Pantokrators, wie ihn vor allem orthodoxe Ikonen gerne darstellen. Jesus, der die Weltkugel in den Händen hält und der auch mein Schicksal trägt.
Viele Bilder von Jesus gibt es und es hängt immer auch von meinem eigenen Befinden ab, wie ich ihn sehe. Kaum jemand von uns dürfte ihn so gesehen haben, wie der Schreiber unseres heutigen Predigttextes. Wir werden in diesen Worten mitgenommen auf die kleine Insel Patmos im Mittelmeer. Dorthin hatte man Johannes verbannt, weil sein Glaube sich nicht mit dem Kaiserkult am Ende des 1. Jahrhunderts vertrug. Es war eine Zeit, in der Christen viel zu leiden hatten. Sie wurden jedoch ermutigt und getrösten durch das, was Johannes hörte und sah und was er für sie schließlich aufschrieb: Offenbarung 1, 9-18
Der Auftrag an Johannes
9 Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus.
10 Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune,
11 die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.
12 Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter
13 und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel.
14 Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme
15 und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen;
16 und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.
17 Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte
18 und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
Herr, segne dieses dein Wort an uns und lass es auch durch uns zum Segen werden!
Wenn ich unseren Konfirmanden eine solche Gestalt gezeigt hätte, glaube ich nicht, dass sie darin Jesus erkannt hätten: Es heißt zwar, dass es eine menschliche Gestalt war, die mitten zwischen sieben Leuchtern stand. Er trug ein langes Gewand und einen goldenen Gürtel, doch ein Kopf wie weiße Wolle mit Augenbrauchen wie Feuerflammen und Füßen wie glühendes Golderz sind alles andere als ein menschlicher Anblick. Sieben Sterne in der Hand und ein zweischneidiges Schwert aus dem Mund wecken Staunen und Erschrecken. So geht es schließlich auch Johannes, dem Seher, der niederfällt und erst einmal ist wie tot. Jesus Christus – ein Bild zum Erschrecken? Eine bizarre Vision, die so gar nichts mehr hat vom mitfühlenden, menschlichen Jesus aus Nazareth. Was soll dieses Bild den bedrängten und verfolgten Christen damals sagen? Immer wieder versucht man, die Symbolwelt dieser Worte zu entschlüsseln. Die Zahl sieben spielt eine große Rolle: Sieben Leuchter, sieben Sterne, sieben Gemeinden, an die der Seher schreibt. Es ist die Zahl der Vollzähligkeit, so wie jede ganze Woche sieben Tage hat. Die sieben Gemeinden stehen für die ganze Kirche, die sieben Sterne vielleicht für die ganze Welt. Das Schwert steht für Gottes Wort, es ist scharf und es trennt Gut von Böse, wenn er als Richter erscheint. Gewaltig muss er sein, dieser Christus, dessen Gesicht leuchtet wie die Sonne. Der vollkommen erschreckte, in Todesstarre daliegende Johannes wird aber schließlich aufgerichtet. Christus selbst rührt ihn an mit seiner Hand und spricht, wie wir es auch aus anderen biblischen Texten kennen: Fürchte dich nicht. Der Grund dafür ist der unglaubliche Sieg, den Jesus errungen hat: Ich bin der Erste und der Letzte
und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.
Wie geht es uns, wie geht es Ihnen mit diesem Bild von Jesus Christus? Können Sie verstehen, dass es damals die Christen getröstet und beruhigt hat? Können Sie nachvollzeihen, dass es sie ermutigt hat, an diesen Weltenherrscher zu glauben, statt einem grausamen Kaiser zu folgen, der göttliche Verehrung für sich beanspruchte? Ich bin mir nicht sicher, doch ich glaube, trotz des „Fürchte dich nicht!“ müssen Johannes die Knie gezittert haben, als er von diesem Christusbild aufgerichtet wurde. Vielleicht müssten wir, um uns in die Menschen damals hineinversetzen zu können, auch die Christen fragen, die heute verfolgt werden. Beispielsweise die koptischen Christen in Ägypten, die es schwer haben, in einem islamistischer werdenden Land weiter respektiert und geachtet zu werden. Oder auch die Christen in Nigeria, die unter dem Terror einer Sekte leiden, die meint, den wahren Islam mit Gewalt ausbreiten zu müssen. Ich wüsste gern, wie viel Mut ihnen dieses Bild aus der Offenbarung schenkt und wie viel Geduld und Kraft es ihnen schenkt. Sie sind jedenfalls mit ihrer Lebenssituation näher am Erleben der Christen damals als wir im sicheren Mitteleuropa.
Welche Bilder von Jesus bewegen uns, bewegen die Jugendlichen, bewegen uns Erwachsene und auch die Älteren unter uns?
Wir können schon in der Bibel nachvollziehen, wie unterschiedlich Jesus auf seine Jünger gewirkt hat. Er war für sie der Lehrer und Heiler, der gute Freund und der geheimnisvolle Mensch, den man nicht immer verstand. Einmal aber begegnete er drei von ihnen auf eine Weise, die einmalig war und kein Vergleich wurde dieser Begegnung gerecht. Auf dem Berg sahen ihn die drei in einem göttlichen Licht. In ihm erkannten sie auf einmal Gottes Herrlichkeit, Jesus wurde durchsichtig für Gottes Welt. Kein Bild wird dieser Verklärung gerecht und dennoch müssen wir es bedenken, wenn wir uns seinem Bild nähern. Paulus ist er vielleicht auf ähnliche Weise erschienen, damals, als er vor Damaskus von Jesus geblendet wurde. Er bewahrte sich dieses Bild der Göttlichkeit Jesu im Herzen und war dafür selbst, wie er sagte, ein zerbrechliches Gefäß. Es blieb ihm ein Kontrast, ein Gegenbild zum eigenen Leben, zur Fehlerhaftigkeit und Schwäche, die er an sich selbst erlebte. So waren auch die Visionen des Johannes für seine Gemeinden ein mächtiges Gegenbild gegen alle Bedrohungen und Ängste. Sie wussten damit, dass sie Geduld brauchten und die Hoffnung nicht verlieren durften – trotz aller Macht, die ihnen der römische Kaiser entgegenstellte.
Im Konfirmandenunterricht haben wir nach dem Bild Jesu auf der Zeitschrift ein Hungertuch aus Haiti betrachtet. Dort wird Jesus ganz anders dargestellt. Er hat dunkle Haut und trägt einen dunklen Bart. Er sitzt mit Flüchtlingen in einem Boot oder wird als Gefangener im Krieg misshandelt. Er sitzt bei einer Mahlzeit armer Leute mit am Tisch oder er vertreibt zornig die Händler aus dem Tempel. Er steht da als Beschützer der Tiere dieser Welt, doch zugleich sind die Menschen dabei die Grundlagen des Lebens auf dieser Erde zu zerstören. Vor allem aber hängt dieser Jesus am Kreuz, das zugleich ein Lebensbaum mit vielen Früchten ist. Dieses andere, schillernde Jesusbild aus Haiti zeigt, wie er Eingang findet in eine andere Kultur, eine andere Lebenswelt. Der Künstler sagt: Er ist einer von uns, er lebt mit uns einem der ärmsten Länder dieser Welt. Er ist und bleibt an unserer Seite und ist zugleich größer und mächtiger als wir. Das Bild von Lukas Cranach aus dem 16. Jahrhundert zeigt Jesus als europäische, menschliche Gestalt. Sein fester Blick zeichnet ihn als einen ganz und gar präsenten Menschen, als jemanden, der uns sieht und nicht loslässt.
Johannes, der Visionär des letzten Buches der Bibel, sieht ihn losgelöst aus den irdischen Sphären und als Teil einer Welt voller Symbole und göttlicher Zeichen. Inmitten von sieben Leuchtern steht dieser Christus für das Licht, das er gebracht hat, aber das die sieben Gemeinden und damit wir alle in diese Welt tragen sollen. Von ihm geht ein Strahlen aus, das hineinwirkt in die Herzen der Glaubenden und ihnen eine Wärme schenkt, die der Kälte dieser Welt widersteht. Von ihm geht die Schärfe eines zweischneidigen Schwertes aus in Gestalt seiner Worte, die Ungerechtigkeit klar benennen und eintreten für die, die ihn brauchen. Er löst tiefes Erschrecken aus, aber ist zugleich derjenige, der aufrichtet und tröstet „Fürchte dich nicht!“
Wir sind eingeladen, auch in diesem Christusbild den zu entdecken, der bei uns ist. Wir sind eingeladen, zu bedenken, was er für uns bedeutet und sensibel zu sein für die Kraft, die er uns schenkt. Es lohnt sich, ihn immer wieder neu zu entdecken, ob er nun so aussieht wie wir ihn kennen und erwarten, oder ob er uns überrascht wie die Jünger damals auf dem Berg oder den Seher auf der Insel Patmos. Er ist, wie es unsere Geschwister in Haiti sagen, einer von uns und er ist vor allem an der Seite der Leidenden. Zugleich aber ist er uns weit voraus als derjenige, der den Tod durchschritten hat und diese Welt in den Händen hält. Berühren will er uns mit seiner Hand, ansprechen mit seinem Wort und leuchten will er mit seinem Licht, damit es durch uns zu den Menschen getragen wird.
Amen.