"An einem Dezembermorgen was es angekommen: das Paket aus Bethel. Pfarrer Reinhardt packte es selbst aus, ganz vorsichtig Figur nach Figur. Wir sahen sie uns an - jede einzelne war ausdrucksvoll und deshalb beeindruckend.
Dann sah ich sie wieder zum Christfest auf dem Altar - sie waren mir fremd. Ja, Maria, Josef und das Kind in der Krippe waren mir vertraut. Aber der Blinde mit seinen leeren Augen, der Verkrüppelte, der sich fest auf seinen Stock stützen muss, um den Kopf heben zu können; der Gelähmte und der Freund, der ihn herbei trägt - sie alle waren ungewohnt an diesem Ort. So begannen wir uns kennen zu lernen -diese Figuren fingen an, lebendig und hautnah das Weihnachtsevangelium zu predigen.
Damals, zur Zeit der Christgeburt, lebten die Hirten außerhalb der Dörfer und Städte, waren raue und in jeder Beziehung nicht so ganz saubere Leute in den Augen der gutbürgerlichen Gesellschaft. Und wie vor ihnen schon die Hirten David und Amos wurden sie nun auserwählt: Ihnen wurde als Ersten der Weg zum neugeborenen Heiland gewiesen, ihnen wurde Gottes Freudenbotschaft für die Welt zuerst anvertraut. So stehen sie zu Recht hier bei der Krippe als Vertreter aller Außenstehenden unserer Zeit:
Der Krüppel, der trotz aller Hindernisse den Weg gefunden hat an den Ort, wo er das Glück erfährt, angesehen und geliebt zu werden, wo sich seine Hände auch deshalb fest wie um einen Stockgriff schließen, weil er wieder hoffen kann.
Der Blinde: Ihn kennen wir aus vielen Geschichten des Neuen Testaments, wo die Blinden in Jesus von Nazareth ihren Herrn und Heiland, den Sohn Davids erkennen. Ihm hält der Blinde an der Krippe die leeren Hände hin, um sie sich füllen zu lassen, um aus "seiner Fülle Gnade um Gnade zu empfangen" (Joh. 1,16).
Der Gelähmte und sein Freund, der ihn zuverlässig hält und so zärtlich auf ihn schaut - sie stehen für alle, die nicht selbständig in den Bereich der Liebe Gottes gelangen können, die einen brauchen, der sie trägt; der behutsam hilft, äußere und innere Hemmnisse abzubauen.
Ich musste dabei wieder an Thomas denken, dem die Botschaft vom auferstandenen Christus unglaublich erschien. Die anderen Jünger haben ihn gehalten, seine Zweifel angehört. Sie haben ihn getragen, bis Thomas selbst von der neuen Wirklichkeit erfasst wurde durch den Auferstandenen selbst.
Diese "Hirten" unserer Zeit öffnen die Augen für all die Menschen unserer Umgebung, denen auch die Liebe Gottes gilt. Ja, sie gilt auch uns persönlich unserem eigen "Ich", das uns so schwer leere Hände zu Gott ausstrecken lässt. Diese Hirten zeigen uns, dass auch wir auf all das angewiesen sind, was wir aus Gottes Liebe durch Christus und dann auch voneinander empfangen.
Der Josef dieser Krippe lädt mit dem ausgestreckten linken Arm ein und weist mit dem rechten hin zum Kind in der Krippe.
Man meint, Paul Gerhardts Liedverse (EKG 27, Verse 7 + 9) von Ihm zu hören: "Die ihr schwebt in großem Leide, sehet hier ist die Tür zu der wahren Freude. Fasst ihn wohl an, er wird euch führen an den Ort, da hinfort euch kein Kreuz wird rühren. Die ihr sei elende, kommt herbei, füllet frei eures Glauben Hände. Hier sind alle guten Gaben und das Gold, da ihr sollt euer Herz mit laben."
Zwischen all diesen Armen und Elenden liegt das Kind in der Krippe - Mittelpunkt und Symbol für die Mitte aller Zeiten, die Mitte des Lebens. Nahe muss man herantreten, um die ausgestreckten Arme des Kindes zu sehen, die sich öffnen für das Leid aller Menschen, öffnen auch für sein eigenes Kreuz und Leid. Schutzlos, ohnmächtig, so liefert Gott in diesem Kind den Menschen aus.
Seine Mutter, Maria, beugt sich mit schützender Gebärde über die Krippe und ihre Haltung drückt zugleich Anbetung und Versunkenheit aus.
Diese schlichten Krippenfiguren lassen uns gleichsam einen Blick ins Paradies tun, allerdings eines, das anders ist, als wir und davon eine Vorstellung machen.
In den Anstalten von Bethel und Nieder-Ramstadt weiß man etwas von der Liebe, die froh und lebendig macht, wenn man behutsam und ehrfurchtsvoll mit dem Menschenbruder und der Menschenschwester umgeht. Da weiß man etwas von der Liebe, die in Gott ihren Ursprung hat und in Jesus Christus lebendig geworden ist."